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Gedanken zum Kollektiven Arbeiten

Das Phänomen der Künstler*innengruppe ist kein neues. Immer wieder gab es in unserer Kulturgeschichte Beispiele gemeinschaftlichen Arbeitens, bei denen die Idee vom einzelnen Künstlergenie in den Hintergrund rückte und individuelle Autorschaft hinterfragt wurde. Die kollektive Produktion in der Kunst steht oft mit dem Versuch in Verbindung, gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse zu etablieren, bei denen Gleichheit, Freiheit und Selbstverantwortung im Vordergrund stehen, im Gegensatz zu konkurrenzhaften und hierarchischen Denk- und Handlungsweisen. Oft fungiert das Kollektiv als programmatische Plattform, die sich dem Kunstmarkt widersetzt oder sich als entschieden politische Lebensform versteht. Manchmal ist das Kollektiv auch Wegweiser und Hilfestellung zur Selbsteinordnung, denn über Diskussion und Austausch mit anderen lassen sich unterschiedliche Äußerungsmöglichkeiten erproben. Klar ist, dass die kollektive Produktion immer im Kontext ihrer Zeit und den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu betrachten ist.

Bereits im 19. Jahrhundert ließen sich Versuche beobachten, den sozialen Nachteilen des künstlerischen Einzelgängertums eigeninitiativ entgegen zu wirken. Oft werden die Nazarener in Rom als die erste moderne Künstler-Gemeinschaft genannt. Unzufrieden mit den erstarrten Ausbildungsriten der Wiener Kunstakademie, machte sich 1810 eine Gruppe Kunststudenten auf in die ewige Stadt, um die deutsche Kunst durch die Annäherung an den italienischen Geist zu erneuern. Spätere Beispiele sind die vielen Künstler*innenkolonien an der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts (die im Kontext von Bewegungen der Lebensreform entstanden und im Sinne eines Gesamtkunstwerks, alle Aspekte sozialen Lebens zu verändern suchten), avantgardistische Gruppierungen wie CoBrA (deren Name sich aus den Anfangsbuchstaben der Städtenamen Copenhagen, Brüssel und Amsterdam zusammensetzt), deren Mitglieder nach dem Zweiten Weltkrieg länderübergreifende Verständigung und Zusammenarbeit propagierten oder feministische Künstlerinnenkollektive wie DIE DAMEN (gegründet 1987 von ONA B, Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen und Ingeborg Strobl), die sich im Sinne einer Komplizinnenschaft dem System des patriarchalen Kunstbetriebes sowie der Fetischisierung von „genialen“, vorrangig von Männern geschaffenen, Kunstwaren widersetzten und mit ihrer Kunst gängige Rollenklischees in Frage stellten.

Dass sich Teamgedanke nicht nur im künstlerisch-produktiven, sondern im Kulturbereich im Allgemeinen findet, zeigt sich vor allem in den letzten Jahren vermehrt. Die Berlinale hat eine Doppelspitze, im Theater sind Kollektive schon länger präsent, auch das Kuratieren von Ausstellungen wird immer öfter im Kollektiv vollzogen. Aktuelle Beispiele sind das vierköpfige Kuratorinnen-Team der letzten Berlin Biennale und die aus Indonesien stammende Gruppe ruangrupa, die mit einem Kernteam von zehn Leuten die kommende documenta (2022) in Kassel gestalten wird. Ähnlich wie bei der Berlin Biennale, bei der das Kuratorinnen-Team den Fokus auf interdisziplinäres Arbeiten legte, lokale Initiativen und Orte der Stadt mit einbezog oder Workshops veranstaltete, zu denen jede/r willkommen war, stehen auch ruangrupa für einen integrativen, nachhaltigen und auf menschliche Nähe bedachten Austausch. Ihre Projekte sollen auch Leute ansprechen, die sich im Alltag nicht für Kunst interessieren.
All dies sind Aspekte, die auch das Herz von CCCCCOMA bilden, daher begrüße ich diese Entwicklungen und Herangehensweisen sehr. CCCCCOMA steht für Curatorial Collective Connecting Concepts of Communication and Art und ist eine kuratorische Plattform für zeitgenössische Kunst. Das Kollektiv besteht aus Theoretikerinnen und Künstlerinnen. Gemeinsam erforschen und entwickeln wir nomadische Ausstellungsformate, die sich mit den (Un-)Möglichkeiten von Kommunikation in unserer Zeit auseinandersetzen.

Ausgehend von einer Diskrepanz zwischen globaler Vernetzung und zunehmender Einsamkeit des Individuums im Großstadtdschungel sucht CCCCCOMA nach Momenten direkter Kommunikation und des intimen Austauschs. Unter anderem werden dabei Themen wie der demografische Wandel als auch die Gentrifizierung und ihre korrelierenden Optionen berücksichtigt. Als gemeinnütziger Verein sucht CCCCCOMA den Kontakt zu Künstlerinnen, Kuratorinnen und Wissenschaftler*innen und zu Institutionen und Initiativen, um eine beständige Plattform zur Förderung, Entwicklung und Präsenz von zeitgenössischer Kunst über örtliche, inhaltliche und mediale Grenzen hinweg aufzubauen.

Wir intervenieren in Form von Kollaborationen primär an kunstfremden Orten, um mit den Akteurinnen vor Ort und eingeladenen Künstlerinnen gemeinsam Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Am Ende steht das Ziel, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen, Berührungsängste zur zeitgenössischen Kunst abzubauen und einen nachhaltigen Dialog zwischen bereits bestehenden urbanen und sozialen Strukturen, künstlerischen Positionen und dem Publikum zu generieren.

In dieser Hinsicht haben wir als kuratorische Gruppe also ähnliche Bestrebungen wie die Teams der 11. Berlin Biennale und der kommenden documenta. Um die Gründe für den erneuten Trend dieser kollektiven Herangehensweisen zu analysieren ist es vielleicht noch zu früh, eine große Rolle spielen sicherlich Digitalisierung, Globalisierung, eine zunehmend unübersichtlich erscheinende Welt und vielleicht auch die Angst vor der damit einhergehenden Gefahr der Vereinsamung. Gemeinsam sind wir stärker und ergänzen uns. Darüber hinaus gründen sich Kollektive ja meist nicht primär, weil sie ein wirtschaftliches Interesse verfolgen, sondern ein Herzensanliegen haben. Begriffe, die in dem Zusammenhang immer wieder fallen, sind Freiheit, Vertrauen, Verantwortung, Konsens, Beziehung, Austausch, Solidarität und Demokratie. Und am Ende sicherlich auch einfach der Wunsch nach einem guten Leben.


Linda Peitz ist freie Kuratorin und Autorin. Sie hat Sprachen und Literatur in Köln und Paris studiert. Nach medienjournalistischen und fotografischen Weiterbildungen war sie im Anschluss mehrere Jahre als Redakteurin für das Monopol Magazin tätig und hat für unterschiedliche Künstlerstudios in Berlin gearbeitet. Seit 2019 organisiert sie freiberuflich Ausstellungen, schreibt Texte und hat die kuratorische Plattform CCCCCOMA e.V. ins Leben gerufen.