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Ich konnte mich nicht entscheiden

Stillstand
Die Welt steht still und unsere Gedanken gewöhnen sich nur langsam daran, kein Karussell mehr zu fahren

Die Welt steht still
und alle scheinen in Stille vereint

Die Welt steht still
und alle halten gebannt den Atem – nur, dass niemand weiß wie lang.

Stillstand! Ha! Was war ich doch naiv! Naiv zu Beginn der Quarantänezeit, in der ich dachte, sie sei etwas, in der wir uns vereinen. Ruhe, Achtsamkeit, Verbundenheit.
Nix da! Oder?

Mehr als 1 Monat ist es nun her. Ein Monat, der mir wie eine Ewigkeit vorkommt – wie ein ganzes Leben.
Ich erinnere mich daran, wie an einen Traum. Die Zeit muss verrast sein. Ich glaube, schlimm wars. Und schön.
Und nun löst allein die Ankündigung von “Normalität” Panik aus
– wie ging das gleich nochmal?
Was war es nochmal, was ich in den ersten Stunden und Tagen
des Quarantäne-Schocks plötzlich alles schmerzlich vermisste?
Und das, womit ich es ersetzte?
Deswegen heißt es nun: Ich kann das. Ich stelle mich neu ein. Justiere mich. Akklimatisiere. Reagiere. Nein, noch besser, ich agiere! Ich mache! Jetzt erst recht! Ich schaffe das!
Achso. Man sagt ja jetzt wir.

Der Diggi-Planet
Der kleine Prinz war weit gereist, bevor er endlich auf dem Diggi-Planeten ankam. Er hatte schon viel von ihm gehört.
Dort angekommen, erblickte er einen Mann,
der hinter dem kleinen Display seines Handys zwar fast vollständig sichtbar und doch gar nicht da zu sein schien.
“Ja, ja, das machen wir so. Dann treffen wir uns. Also HA HA – wir sehen uns, meinte ich natürlich! Treffen in analog – das waren noch Zeiten! Jaja, man darf ja jetzt wieder! Aber: verschwendete Zeit, nicht?! HA HA HA.” Der Digitalmann schien ganz in seinem Element zu sein. Da plötzlich bemerkte der Mann, dass etwas anders war. Irritiert blickte er an seinem Handy vorbei und streifte sein Headset etwas herunter, das fest mit seinem Nacken verwachsen war. Ein kleiner Mensch stand direkt vor ihm.
“Was willst denn du hier?”, fragte der Digitalmann.
Der kleine Prinz kam noch näher, lächelte und streckte ihm seine Hand entgegen. “Hallo! Ich bin schon lange unterwegs und ich wollte fragen….” Aber weiter kam er nicht – denn der Mann sprang angeekelt zur Seite. “Nein, nein, komm nicht so nah! Hände schütteln. Pah! Körper! Wer macht denn sowas noch?? Die waren mal ansteckend! Wer will denn da berührt werden! Körper? Pfui! Digital – ist alles, was sein darf. Alles, was zählt! Hilfe! Tsss. Er suchte in sicherem Abstand einen neuen Platz und sagte : “Schau!, Hiermit kannst du ‘Hallo’ sagen. Online! Da kannst du alles. Hier lernst du Leute kennen! Ich kann das auch. Ich kann Facetime, Hangout und Zoom. Für die Arbeit und für Freund_innen – beides gleich. OKCupid, Bumble, Grindr, Tinder, WhatsApp, Messenger, Telgram. Ich kann Theater, Kunst, Sport, Sex. Online! Ich kann alles. Online! Ich bin ein ernsthafter Mann. Ich habe es gelernt, als wir es alle mussten. Ich kann online. Alles ist online! Erst wenn es online ist, ist es. Googlebar oder nicht googlebar
– das ist hier die Frage! HA HA HA.“
Der kleine Prinz hörte sich alles in Ruhe an und beobachtete den Digitalmann, wie er umgeben von Bergen an Nudeln, Blumenerde, Toilettenpapier und Mehl mit seinem Handy in der Hand saß. Dazwischen lagen Kabel, Laptops, Fitnessarmbänder, weitere Handys und ein Standrechner. „Ein seltsamer Mann.“, dachte der kleine Prinz. Er blickte wieder auf den Digitalmann und tat mehrere Schritte auf ihn zu bis er wieder ganz nah bei ihm stand. Aber dieser war erneut vollständig hinter seinem Handy verschwunden.
“Hallo!”, wiederholte der kleine Prinz. Aber weiter kam er nicht.
Der Digitalmann war inzwischen rot angelaufen.
“Lass mich in Ruh! Ich verschwende ich keine Zeit mehr mit anderen. Ich lasse mich nicht von anderen berühren! Wer seid ihr die denn schon? Die anderen! Ich habe doch alles! Ich habe alles um mich!” und hielt dem kleinen Prinzen seine Displaywelt entgegen. “Schau! Es ist doch alles hier! Was brauche ich dich da? Hier auf meinem Planeten dreht sich doch alles wie geschmiert um mich! Ich brauche niemanden und die anderen brauchen mich nicht. Jede_r muss für sich selbst sorgen! Lass mich endlich in Ruh!“
Der kleine Prinz wurde ganz traurig. Er dachte an seine Rose. Seine Rose, die er sehr liebte. Er kümmert sich gern um seine Rose. Auch wenn ihre Nähe manchmal piekste.

Berührung – Attachment. Oder endlich mal ein Anglizismus, der Sinn macht
Hab Mut für Nähe und Berührung!
Verbinde dich. Denke nicht, Solidarität ist teuer.
Lass dich nicht nur verwenden! Denke nicht, es geht darum, wer sich in dieser Zeit am besten hervortut, alles online streamt, alles digitalisieren kann, die besten Jogging-Zeiten hat, die beste Pasta kochen oder das beste Brot backen oder am allerbesten zu Hause arbeiten kann. Darum geht es nicht. “Survival of the fittest” ist kein guter Lehrer. #stayathome ist kein “Lang lebe das Digitale!” – sondern Ruhe, Schutz und Solidarität.
Es ist okay, wenn du scheiterst.
Es ist okay, wenn es dir nicht gut geht.
Es ist okay, wenn nicht alles glatt geht.
Es ist okay, wenn deine Versuche der Hilfe nicht gleich gelingen und du doch nur Gutscheine kaufst. Es geht nicht darum, besser zu sein als ‘die anderen’. Solidarität ist nicht für andere, sondern mit allen.
Versuch es nochmal.
Es ist nicht einfach. Ich weiß. Bewerte nicht. Verurteile nicht – niemanden. Du musst nicht alles können und super klarkommen, auch wenn sie das sagen.

Berühren, berührt werden, berühren lassen braucht viel Mut. Es ist teuer und kostet Zeit.
Zeit und Geld für Hilfe. Für Orte, die wir schaffen, für ein Leben, das liebt und scheitert. Ein Leben für ein Uns.
Ein Leben für ein Uns. Mit Berührung.
Ein Leben, in dem Fragen erlaubt sind, die sich nicht in 40 Minuten pressen lassen. Fragen, die berühren. Fragen, die sich nicht gleich auswerten, verwerten, produktiv machen und umsetzen lassen. Einfach mal auch ein bisschen rauszoomen.
Etwa: Wie kann das gehen, mit dem ‘Wir’…mit dem ‘Uns’?
Was ist es also, das bleiben soll, wenn alles wieder möglich ist?

Ich vermisse euch
Ich vermisse euch. Euch, die ihr mehr als nur euch saht. Euch teiltet. Euch mit und euch.
Gedanken. Gefühle. Berührungen.
Es ist alles so absurd. Ich vermisse die Kunst. Das Sprechen und Gestikulieren, das, was Wind macht.
Ich vermisse das Aufrühren und Tanzen der Seelen! Wo ist es geblieben? Wo ging es verloren? Auf dem Weg der Panik? In unseren Adern aus Carbon? Ich will es zurück. Ich will unser Leben zurück. Will tanzen. Mit euch.
Zusammen.
Lasst uns daran arbeiten. Lasst uns das eine Lehre sein. Und lasst uns auch scheitern. Es ist okay. Denn das, worauf es ankommt, ist Liebe. Liebe des Nächsten und der Fernen. Liebe in Solidarität.
In Zuneigung. Liebe in Unterstützung.
Lasst es nicht die Mundschutzmasken im Museum sein, die uns erinnern. Lasst es uns versprechen, dass wir es nie vergessen!
Es war eine Lehre der wahren Solidarität; des wahren Sinns, der niemals im Einzelnen liegen kann.

Museen von heute!
Die Museen rufen schon nach Objekten der Zeit – wollen die ersten sein, die erzählen von dieser Zeit – einer, dieser Ausnahmesituation.
Verwerten – schnell! Sonst sagt man wieder, sie seien hinterher –
nicht fortschrittlich genug – nicht digital genug. Also, schnell: die ersten sein! Äh, die, die erzählen! Sammeln! Bewahren! Vermitteln. Das wars!

Scheitern
Ich habe versucht, Geld für andere zu sammeln
Und scheiterte.
Ich habe versucht, Geld zu verdienen. Im Homeoffice noch produktiver zu sein; kein Leben zu haben, das mich ablenkt. Ich lasse mich nicht mehr vom Wesentlichen ablenken! Arbeiten! Ordnung! Konzentration! Effizienz! Das wollte ich
oder sollte ich.
Und scheiterte.
Ich suchte. Suchte nach euch. Nach Sinn. Nach einem uns.
Und gewann.


Beatrice Miersch ist promovierte Kunstwissenschaftlerin, freie Kuratorin und Dozentin im Bereich der Wissenschaftskommunikation und hat einen Hang zur Poesie. Sie leitet ehrenamtlich den Museumsförderverein „Stoberkreis“ (Freunde der Nationalgalerie), erfreut sich an Lehraufträgen an der HTW Berlin, interdisziplinären Projekten wie diesem von INTER – und vielfältigen Ausstellungsprojekten. Mit ihrer Promotion zum Thema: „Queer Curating. Zum Moment kuratorischer Störung“ arbeitet sie daran, Normalitätsregime zu durchbrechen und umsetzbare Ansätze zu erproben, die nicht nur in Ausstellungen gesellschaftspolitisch wirksam werden.
Sie bewegt sich als Feministin in ihrer Theorie und Praxis zwischen Kunst, Politik und der Frage, wie sie durch neue Wege der Gestaltung vor allem Beziehungen und intensive Verbindungen anregen lassen.