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Trim the Fat!

Dieser Text ist ein Auszug aus der Ausstellung “Trim the Fat!” im Neuen Kunstverein Gießen:

Den Titel empfahl mir ein Freund, ein Ökonom. TRIM THE FAT!

Mit dieser Managementmethode zur Effizienzsteigerung nicht vertraut, trat mir das Bild eines Hans Wurst vor meine Augen: Herr Wurst, ein tölpelhafter, unbeholfener Dickwanst – ein Klischee, das Größe bzw. Gewicht mit Unbeweglichkeit, Lethargie und Stumpfsinn gleichsetzt. Der Gegenentwurf zum lächerlichen Fettwanst, der sich wollüstig fleischlichen Genüssen hingibt, nichts leistet und vorzeitig qualvoll an seinen Lastern zu Grunde geht, findet sich im schlanken Menschen, im schlanken Unternehmen, im schlanken Staat – zu dem sich die politische Führungsriege keine Alternativen vorstellen kann („There is no alternative“ – Magret Thatcher).

Schlank, in der Herleitung des Wortes bedeutet mager, biegsam, schlankweg (ohne Umschweife); ja, auch den jungen, frechen und gewieften Schlingel findet man in dieser (Wort-)Familie.
Die alte Warnung und Ermahnung zur Askese ist also einprogrammiert in unsere Köpfe, ist in religiösen und profanen Ratgebern und spiegelt sich selbstverständlich auch im modernen Medium des Internets: Hüftgold, als Indikator des Wohlstands, ist nicht nur unattraktiv, in anderen Worten nicht verführerisch bzw. gar abstoßend, sondern auch eine Bedrohung für Leib und Leben, Herz und Hirn!

Unumstößlich und unveränderbar seit Jahrhunderten ist die Formel für ein gesundes, erfolgreiches und langes Leben von Individuum, Unternehmen und der Wirtschaft des Staates im Allgemeinen: Abspecken mit Enthaltsamkeit, Disziplin, Selbstkontrolle und durch Kontrollinstanzen von außen vorgeschrieben. FDH als Exorzismus, als Methode zur Austreibung von Krankheit und zur Abwehr des Bösen im Allgemeinen. Die Vorgehensweise bei TRIM THE FAT! ist Beschneiden, Abschneiden; kürzen, reduzieren, verkleinern, kupieren: etwas Stutzen, um den Krankheitsprozeß aufzuhalten; – kupieren von frz. couper: abschneiden – die Spitze abschlagen; auch schlagen: Coup d’État (der Staatstreich); den Ballast (der Vergangenheit) abstreifen, um in die Zukunft sprinten zu können.

So schafft das scheinbar unabänderlich naturgewollte, gottgegebene Gesetz der Survival of the Fittest neue Menschen und neue Unternehmen: Flexibel (rasche Anpassung an Marktveränderung), schlank (Korrekturen im Preis), innovativ (neuester, technischer Stand), engagiert (Maximum an Qualität und Service); flexibel, reaktionsschnell, wettbewerbsfähig, innovativ, effizient, kundenorientiert, profitabel – wer nicht mithalten kann, hat bereits verloren.

KünstlerInnen und Kunstinstitutionen vorweg! Laut BBK zahlen 90% der in Deutschland lebenden KünstlerInnen dafür, um künstlerisch arbeiten zu dürfen. Ist die künstlerische Avantgarde dem übrigen Arbeitsmarkt eine Nasenlänge voraus? Findet sich hier wieder einmal ein Modell für die Zukunft? Die prekären Existenzen der Gig-Economy, von der UberfaherIn zur DeliveroomitarbeiterIn, können in den Kanon unserer Zeit „Ich zahle dafür, dass ich arbeiten darf“ einstimmen. Arbeit auf eigenes Risiko und mit aus persönlichen Mitteln bereitgestelltem Arbeitsmaterial (Auto, Benzin, Versicherungen, Handy, Internet usw.) ein Überleben mit Minimalsthonoraren, digitale TagelöhnerInnen – eine Arbeitsform, die für das Jahr 2023 auf 52% aller Arbeitsplätze in den USA prognostiziert wird.

Im Hinblick auf meine Materialermüdung und Materialbelastungsstests sei noch kurz auf eine Entwicklung des globalen Humankapitals hingewiesen: 2019, das Jahr in dem Burn-out als Krankheit von der WHO anerkannt wurde: “Burn-out is a syndrome conceptualized as resulting from chronic workplace stress that has not been successfully managed. It is characterized by three dimensions: feelings of energy depletion or exhaustion; increased mental distance from one’s job, or feelings of negativism or cynicism related to one’s job; and reduced professional efficacy.“ (https://www.who.int/mental_health/evidence/burn-out/en/)
Da geht doch noch was, oder?

Für diesen Text habe ich verschiedenste Wirtschaftswissenschafts- und Managerbücher aus meiner nächstgelegenen Bücherstele in der ehemaligen Siedlung für Bundesbankmitarbeiter in der Finanzmetropole Frankfurt gefischt. Anschließend habe ich die darin enthaltenen Konzepte überbrüht, weichgeklopft, haschiert und auf meinem etymologischen Wörterbuch gegrillt. Kaloriengehalt und Nährwert ohne Gewähr.


Line Krom übersetzt ökonomische Konzepte ins Visuelle. Sie thematisiert, wie Sparmassnahmen und Effizienzsteigerung aussehen und welchen Einfluss Managemententscheidungen auf das Material haben. Parallel zu ihrer künstlerischen Tätigkeit verfolgt Krom eine kuratorische Praxis, die Projektplanung und Ausführung (Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen), Forschung und Textproduktion und Kunstvermittlung umfasst. Gegenwärtig arbeitet sie am Institut für Kunstpädagogik der Goethe Universität in Frankfurt mit dem Schwerpunkt außerschulische Kunstvermittlung: Mediation von Sammlungen und Ausstellungen in Theorie und Praxis. Zuvor unterrichtete sie im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit an der Fachhochschule Darmstadt. Ihr Interesse galt der inklusiven Kunsteinrichtung in Theorie und Praxis mit dem Fokus auf Dekonstruktion von Hierarchien in Kunsteinrichtungen, um Schnittstellen zwischen Kunst und Sozialer Arbeit zu entwickeln. Line Krom lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.